Gabriel Anwander
Gabriel Anwander
Writer

Der Geruch alter Geigen

Krimi15 min
CI: Geruch alter Geigen

Tipp: Neues Buch von Gabriel Anwander

Hohgant

Auf den Strassen des Berner Mittellandes taucht auffallend reines Kokain auf – Gerüchten zufolge stammt es aus dem Emmental. Dabei trinkt man in der grünen Hügellandschaft höchstens Schnaps...

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»Eine gute Geige hält ewig«, sagte er und lächelte.

Zuerst glaubte ich, er wolle meinen Fragen ausweichen, den verwirrten, alten Mann spielen, der nicht begreifen konnte, dass soeben ein Mord geschehen war und er als Hauptverdächtiger in Frage kam, doch dann sah ich seine Augen, wie sie ruhig und ungetrübt meinem Blick standhielten. Ich blieb unter der Tür stehen, liess ihn reden und schaute mich um. Es war eine Geigenwerkstatt wie im Bilderbuch. Offene Schränke mit Geigen jeder Grösse, aufgehängt an dünnen Stäben. Rohe Holzteile und nie gesehene Werkzeuge ausgebreitet auf einer Art Hobelbank. Ein Messgerät. Pinsel. Drähte. Staub. Es roch nach Leim oder Firnis.

Er hockte an einem Schreibtisch und redete an mir hoch. »Das mag für jemanden, der eine Geige kauft, beruhigend sein, für uns Geigenbauer ist es schrecklich entmutigend. Ich habe dieses Atelier vor dreissig Jahren übernommen, stolz und mit vielen Ideen. Geigen, solide, wohlklingende Instrumente wollte ich bauen, so, wie ich es in der Geigenbauschule in Brienz gelernt hatte. Restaurieren, alte Instrumente restaurieren, das konnten von mir aus die anderen, habe ich gedacht, damals.« Er hüstelte und wedelte mit der dürren Hand über die Tischplatte, als ob er unliebsame Anträge zurückweisen wollte.

Dann sass er wieder still auf seinem Hocker und berichtete weiter: »Bald ist mir klar geworden, dass ich das erlesene, trockene Holz, das mein Vorgänger Stück für Stück über der Werkstatt bis unters Dach aufgeschichtet hatte, dass ich das Holz eines Tages auch wieder meinem Nachfolger weiterverkaufen würde. Neue Geigen waren nicht gefragt.«

Er strich sich über die Augen und seufzte: »Neue Geigen sind nicht gefragt. Im ersten Jahr habe ich zehn Geigen gebaut, drei davon hängen noch heute vorne im Verkaufsraum. So habe ich halt auch begonnen zu restaurieren.« Er schwieg, versank in seinen Gedanken. Eine weisse Haarsträhne fiel ihm in die Stirn und schwerer Missmut hing an seinen Mundwinkeln. Es ging gegen Mittag und ich hätte ihn längst auf dem Polizeiposten in Bern abliefern sollen, deshalb drängte ich: »Und weiter? Was taten Sie dann?« »Eines Tages ist eine Dame in den Laden gekommen und hat eine Stradivari mitgebracht.« Seine Augen begannen zu leuchten. »Eine Stradivari?« Ich brauchte eine Erklärung. Meine Frage musste ihn erstaunt haben, denn er stand auf, zog seine buschigen Augenbrauen hoch und dozierte: »Antonio Stradivari ist Geigenbauer gewesen und hat im 17. Jahrhundert in Cremona gelebt. Er hat die Form der Geige perfektioniert, seine Geigen sind Meisterwerke.«

»Auf solchen Geigen wird noch gespielt?«

Er überging meine Frage, bückte sich über eine Truhe, die längs der Wand stand, holte einen Geigenkoffer hervor, legte ihn auf den Tisch und klappte ihn auf. Es lag eine Geige darin. Er fasste sie am Hals und bot sie mir an. Ich nahm sie unbeholfen entgegen – wie hält man eine Geige? – und staunte, wie leicht das Instrument war. Sie war breit, mit vollendeten Proportionen, wie mir schien, und leuchtete golden. »Eine Stradivari?«

Er nickte respektvoll, bedächtig.: »Wie gesagt, eine gute Geige hält ewig!« Er fasste mit der rechten Hand in den Koffer und brachte einen Bogen zum Vorschein, stellte sich vor den Notenständer, drehte ihn zum Licht, klemmte die Geige unters Kinn, setzte den Bogen an, stimmte kurz und begann zu spielen. Schwungvoll und geschmeidig wie ein Jüngling. Der alte Mann, der mir die Pistole mit zittrigen Händen übergeben hatte und den ich einen Moment lang für irr gehalten hatte, stand nun wie verwandelt vor dem Fenster und spielte Geige. Mit weichen, runden Bewegungen führte er den Bogen über die Saiten und erweckte eine zauberhafte Melodie zum Leben. Das Atelier war erfüllt von den Tönen, die er dem Instrument zu entlocken verstand, und schon bald war ich berauscht von der Musik, die mich umgab, vergass Raum und Zeit und den Grund meines Hierseins.

Als er absetzte, applaudierte ich. Ich konnte nicht anders. Er bedankte sich mit einer angedeuteten Verbeugung, legte den Bogen und die Geige zurück, klappte den Kasten zu und setzte sich wieder an den Schreibtisch. Ich beugte mich vor und fragte: »Und dann?«

Er legte die Hände an die Tischkante und erzählte weiter: »Ich habe die Geige zerlegt, die ff-Löcher abgezeichnet, sämtliche Masse festgehalten und versucht, die Unterschrift des Meisters, die er mit Tinte innen an der Decke angebracht hatte, nachzumachen. – Dann habe ich im Lager über der Werkstatt nach Brettern aus Ahornholz für den Boden, die Stützwände, den Zargen und das Griffbett gesucht, und nach einem Brett aus Fichtenholz mit engen Jahrringen für die Resonanzplatte.« »Sie haben die Stradivari nachgebaut?« »Ja.« »Und die Dame?« »Sie ist nach einem Monat vorbeigekommen, um ihre Geige abzuholen. Ich habe sie vertröstet, ich hätte abgegriffene Stellen ausbessern müssen, und der Lack bräuchte halt etwas Zeit zum Trocknen. Überhaupt, die Lackierung ...«, er stöhnte, »die Lackierung nachzumachen, das ist das Schwierigste gewesen. Goldgelb sollte sie werden, kräftig leuchten und doch alt aussehen. Ich habe experimentiert, habe das Holz mit Bienenwachs grundiert, dem Lack Gelbholzpulver beigemischt und zuletzt die Flächen und Kanten mit einem ledernen Lappen und Zahnpasta abgerieben. Nach drei Monaten ist die Kopie fertig gewesen. Ich habe sie der Dame gegeben und das Original behalten.« »Als Vorlage für weitere Fälschungen«, entfuhr es mir. »Bitte, ich möchte in diesem Fall nicht von Fälschung sprechen, sondern von Kopien.«

»Die genaue Bezeichnung wollen wir dem Richter überlassen«, sagte ich und wiederholte den Tatbestand: »Sie haben der Dame nicht das Original, sondern die nachgebaute Stradivari gegeben.« »Ja. Und ich habe die Stradivari noch mal nachgebaut. Ein Jahr danach bin ich in der Zeitung auf ein Inserat gestossen – Zu kaufen gesucht: italienische Violine, bester Provenienz, von Privat oder Handel –, und habe sofort eine Offerte eingereicht. Daraufhin hat sich ein älterer Herr aus Basel gemeldet. Gut angezogen. Beste Manieren. Er suche eine Meistergeige zum dreissigsten Geburtstag seiner Tochter. Sie sei im Besitz des Konzertdiploms. Er ist begeistert gewesen von meiner Stradivari.« »Von der Kopie.« »Ja, von der Kopie. Doch ohne Gutachten wolle er nicht kaufen, hat er gesagt, und er hat Dr. Wendl in Burgdorf vorgeschlagen.«

»Dr. Rolf Wendl? Den Mann, den Sie hier vor gut zwei Stunden ...«

»Bitte nicht.« Er winkte energisch ab, begann erneut zu zittern. »Lassen Sie mich zu Ende erzählen.« Ich liess ihn.

»Wir sind zu dritt zu Dr. Wendl gefahren, und ich gebe zu, ich bin nervös gewesen. Dr. Wendl hat uns erwartet, hat uns Kaffee angeboten, die Geige mit spitzen Fingern untersucht, ja, richtig zelebriert hat er das Ausleuchten der Innenseite, und Teil für Teil mit den alten Zeichnungen und Beschreibungen verglichen, die er zuvor auf seinem Tisch ausgebreitet hatte. Er hat sich Zeit genommen, hat akribisch geprüft, nachgemessen, die Unterschrift des Meisters studiert, die Lackierung unter ein spezielles Licht gehalten und sich so vertieft, als hätte er uns vergessen. Plötzlich hat er sie gestimmt, geschwind und gekonnt, und ein Stück von Joseph Haydn gespielt. Allerdings zu schnell, zu hektisch für mein Gefühl. Er schien erregt. Dafür habe ich mich beruhigt und bin ehrlich gesagt überrascht gewesen, wie gut und voll die Geige geklungen hat. Wissen Sie«, meinte er wieder etwas ruhiger, »eine Geige tönt für den, der sie spielt anders, als für den, der zuhört.« Wieder schwieg er, und ich fürchtete schon, er hätte sich müde geredet, als er sich erneut aufraffte. »Wendl hat das Stück zu Ende gespielt, hat die Geige sorgsam in den Kasten gelegt, den Deckel geschlossen, der jungen Frau den Kasten in die Arme gelegt und den beiden zum Kauf gratuliert.«

Er erhob sich, schritt in der Werkstatt auf und ab und fuhr fort: »Vorgestern hat er mir für die fünfte Kopie eine Bescheinigung ausgestellt, dass es eine Stradivari sei. Und heute Morgen ist er, kurz nachdem ich geöffnet hatte, vorne in den Laden geplatzt mit einer Mappe unter dem Arm, hat knapp gegrüsst, mich geduzt und gesagt: ›Schliess dein Geschäft, ich hab' mit dir zu reden.‹ Hier, da auf diesem Schreibtisch hat er die Zeichnungen ausgebreitet, hat die Tür und das Fenster geschlossen, die Ständerlampe herangerückt und leise, aber drohend gesagt: ›Diesmal baust du eine Amati.‹«

»Eine Amati?« Ich brauchte wieder eine Erklärung. Er blieb stehen und schaute an mir hoch. »Nicola Amati war der Lehrmeister von Stradivari. Er hat die eigentliche Geigenform geschaffen, ja, man kann sagen, er sei der Vater der Geige. Amati hat zeitlebens nach der vollendeten Form einer Geige gesucht, doch es ist ihm versagt geblieben. Sehen Sie«, er holte die Geige, die ihm nicht gehörte, noch einmal aus dem Kasten, »eine Geige, so leicht sie auch ist, muss eine Saitenspannung von dreissig Kilogramm aushalten. Amati hat herkömmliches Fichtenholz für die Resonanzplatte verwendet und es stark wölben müssen, damit es diese Spannung aushält.«

Er legte die Geige zurück. »Stradivari hat die Geigen genau so gebaut, wie er es von seinem Lehrmeister gelernt hat, mit einem einzigen Unterschied: Er hat für die Resonanzplatte Holz von Fichten aus den Alpen verwendet. Von Fichten, die auf über tausend Meter gewachsen sind. Dieses Holz weist enge Jahrringe auf, ist zäher und hält trotz flacher Wölbung eine grössere Spannung aus. Damit hat Stradivari den Schlüssel zur vollendeten Geige gefunden.« Nach einiger Zeit fragte er:

»Verstehen Sie jetzt?«

Seine Unterlippen bebten.

»Amati-Geigen sind keine vollkommenen Geigen. Geigen von Amati sind älter, rarer und teurer als die Geigen von Stradivari. Es sind Spekulationsobjekte!« Er fuhr mit den Armen beschwörend über den Geigenkasten und bekam wieder diesen irren Blick. »Ich habe Meistergeigen gebaut. Vollendete Instrumente für begnadete Musiker. Niemals werde ich Geigen bauen, die von Sammlern in Tresore eingeschlossen werden. Das ist Betrug.« Er bebte am ganzen Körper. »Ich habe versucht mit ihm zu reden, ihn angefleht, ihm Geld geboten; er hat nicht nachgegeben. Er wisse alles, hat er gesagt. Und er sei im Besitz der Adressen meiner betrogenen Kunden.« »Da haben Sie ihn erschossen«, sagte ich in die Stille. Er legte die Hände auf den Kopf, begann zu weinen. »Können Sie mich denn nicht verstehen? Ich bin kein Betrüger. Meine Kunden sind stolze Besitzer von Meistergeigen.«

Auf dem Weg zum Posten fragte ich ihn, ob er denn wisse, woran Dr. Wendl seine Kopien erkannt habe. »Am Geruch«, antwortete er. »Wendl hat meine Geigen am Geruch erkannt. Eine echte Stradivari rieche nach Schwarztee, hat er gesagt. Meine Geigen hätten anders gerochen, nach Bienenwachs.«

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