Emil Steinberger
Emil Steinberger
Bestseller

Der Schiffskellner

HumorKids9 min
CI: Emil

Tipp: Neues Buch von Emil Steinberger

Alles Emil, oder?!

Emil Steinbergers Bühnenprogramm "Alles Emil, oder?!" – Live-Mitschnitt aus dem Theater Fauteuil in Basel.

Hier gleich bestellen

Im Alter von vierzehn Jahren wünschte ich mir sehnlichst ein eigenes Velo. Nur, wie diesen Traum verwirklichen? Mein Taschengeld war dazu einfach zu knapp bemessen. Ich vertraute diesen scheinbar unerfüllbaren Wunsch meinem Schulkollegen Richard an. »Emil, das ist doch gar kein Problem!« sagte er lachend. »Komm doch einfach nächsten Sonntag mit mir. Ich arbeite als Kellner auf einem Dampfschiff auf dem Vierwaldstättersee. Das macht Spass, und ich verdiene dabei auch noch fünf Franken plus Trinkgeld.« Am darauf folgenden Sonntag trafen wir uns um fünf Uhr morgens und gingen zum Hotel Bernerhof, wo bereits zwanzig arbeitswillige Jugendliche auf einen Einsatzbefehl warteten. Pro Schiff wurden zwei bis drei Knaben benötigt. Drei bis fünf Schiffe waren im Einsatz. Ich konnte mir schnell ausrechnen, wie viele von uns ohne Job wieder nach Hause geschickt würden.

»Da habe ich doch keine Chance!«

sagte ich etwas entmutigt zu Richard. Ein kleiner rundlicher Mann, Chef der Schiffsgastronomie, erschien, stellte sich auf die oberste Stufe im Treppenhaus des Hotels und rief: »Wer will auf die Schiller?« Zwanzig Hände schnellten in die Höhe und alle riefen im Chor: »Ich!« »Du kommst nicht in Frage«, sagte er zu einem der Jungen. »Du kannst gleich nach Hause gehen. Du warst letztes Mal frech zu den Köchinnen.« Ohne Zögern traf er seine Auswahl. »Mit euch beiden war ich sehr zufrieden. Ab auf die Schiller!« Und weiter ging der Kampf um die heiss begehrten Arbeitsplätze. »Wer möchte auf die Stadt Luzern?« »Wir!« schrie Richard aus voller Kehle und zeigte dabei auf uns zwei. Der Chef musterte mich kritisch. »Jooh, bisch no en Suubere!« Kurz und gut, ich durfte mit Richard auf das stolze Dampfschiff Stadt Luzern. Zunächst mussten wir aus dem Depot auf einem Wägelchen Eisstücke, Bier und Mineralwasser holen. Als wir damit auf dem Schiff ankamen, fragte mich eine Frau forsch: »Wie heisst du?« »Emil.« »So, einen Emil haben wir also heute auf dem Schiff! Hier hast du eine Jacke.« Die Ärmel meines ersten Arbeitsgewandes waren viel zu lang, aber es war ein gutes Gefühl, in diesen schönen, weissen, gestärkten Servier-Kittel zu schlüpfen. Ich war richtig stolz. Im hinteren Teil des Schiffes führte eine steile Treppe hinunter zur Küche, wo auf engstem Raum und bei unerträglicher Hitze das Essen für die Gäste gekocht wurde. Die dicken Köchinnen waren für ihre schlechte Laune bekannt. Kein Wunder, bei den damaligen Arbeitsbedingungen. Die Schiffspassagiere waren in guter Stimmung. Ich erinnere mich noch an die Wanderer in ihren roten Socken, an ein Jodelchörli, an fotografierende Amerikaner und Kinder, die mit ihren Vätern die Schiffsmaschinen bestaunten oder, zum Ärger der anderen Passagiere, wie wild auf dem Schiff hin und her rannten. Als wir von Flüelen wieder in Richtung Luzern fuhren, war es meine Aufgabe, die bestellten Menüs aus der Küche zu holen, sie die Treppe hinauf und dann über Deck, mitten durch die Ausflügler hindurch, zu den Tischen im Restaurant zu tragen. Das war gar nicht so einfach. Immer wieder musste ich laut rufen: »Exgüsi!!« Es gab auf diesem Weg auch ein kleines Hindernis zu überwinden. Bevor ich mit den schön dekorierten Fleischplatten das Restaurant betreten konnte, galt es, mit dem Knie eine Pendeltüre aufzustossen, sie dann gekonnt mit dem Rücken abzufangen und mich schnell hindurch zu schieben. Es herrschte Hochbetrieb. Das Servierpersonal war nervös, die Buffetdame hektisch und laut. Innert kürzester Zeit sollten an die dreissig Passagiere mit vollen Menüs verpflegt werden. Ich kam wieder mit einer grossen Menüplatte bei der Pendeltür an, stiess sie mit dem Knie auf und fing sie mit dem Rücken ab. Aber genau in diesem Moment schnellte die andere Flügeltüre zurück und schleuderte mir die ganze Fleischplatte mitsamt dem Kartoffelpüree, den Karotten, Erbsen und der Sauce aus der Hand. Mit lautem Geschepper fiel die Platte zu Boden und deckte das ganze Essen unter sich zu. Nur das Kartoffelpüree und die Sauce spritzten seitlich unter der Platte heraus. Raunen und schadenfreudiges Gelächter ging durch die Menge der Schiffsreisenden. Ich bückte mich sofort und begann, das Fleisch von Hand wieder auf die Platte zurückzulegen. Dann kam mir ein Matrose mit einem Besen zu Hilfe und wischte die Speisereste in Richtung See. Total deprimiert und mit Herzklopfen ging ich zurück in die Küche. Dort gab es einen Aufschrei, und es wurde lautstark geflucht. Letztendlich vertraute man mir aber doch eine neue Menüplatte an. »Oooh!« ging es durch die Reihe der fröhlichen Passagiere, als ich versuchte, mir erneut einen Weg durch sie hindurch zu bahnen. Wieder kam ich bei der Flügeltüre an. Diesmal würde ich vorsichtiger sein. Ich wollte gerade mit dem Knie die Tür aufstossen, als ich mit dem Standbein auf dem schlecht gereinigten Boden ins Rutschen geriet und mitsamt der Platte zu Boden fiel. Dabei landete das ganze Essen auf mir. Die Passagiere brachen in lautstarkes Gelächter aus. Ich begriff diese Reaktion. Das war Komik total! Charlie Chaplin hätte es nicht besser inszenieren können. Aber leider gab es für meine ungewollte Slapstickeinlage keine Gage, sondern einen fürchterlichen Anschiss in der Küche, und die Buffetdame meldete den Köchinnen, ich solle mich bloss nicht mehr im Restaurant blicken lassen.

»Chasch go! Mir bruuched dich nümme.«

Aber ich konnte ja schliesslich nicht ins Wasser springen. Und am berühmten Tellsprung waren wir auch schon vorbei, sonst hätte ich es, wie Tell, gewagt abzuhauen und wäre zu Fuss nach Luzern zurückgelaufen. Ich zog die schmutzige Servier-Jacke aus. So war ich wenigstens neutralisiert. Dann versuchte ich mich möglichst unauffällig zu verhalten und starrte pausenlos aufs Wasser. Kaum waren wir in Luzern angekommen, hatte ich auch schon als einer der ersten das Schiff verlassen. Ich war schon fast wieder zu Hause, als mir einfiel, dass ich meine eigene Jacke auf dem Dampfer vergessen hatte. Ich musste also noch einmal zurück aufs Schiff. Als ich bei der Anlegestelle ankam, war es nicht mehr da. Es war schon wieder in der Werft. Auf dem Weg dorthin war mir zum Heulen zumute. In der Werft schlich ich mich auf die Stadt Luzern und fand meine Jacke tatsächlich in der Kajüte, wo ich mir am Morgen beim Kaffee-Servieren wenigstens ein paar Franken Trinkgeld hatte verdienen können. Meine Karriere als Schiffskellner hängte ich noch am gleichen Tag an den Nagel. Ich wurde dann Ausläufer beim Kaffeespezialisten Merkur und brachte vermögenden Damen den bestellten, frisch gerösteten Kaffee nach Hause. Da gab es glücklicherweise keine Pendeltüren. Es standen höchstens einmal bissige Hunde vor dem Hauseingang.

Hier gibts mehr davon

Wahre Lügengeschichten

Von Emil Steinberger

Dreissig Geschichten aus dem Leben des Schweizer Kabarettisten Emil Steinberger. Davon sind aber sechs Geschichten unwahr...

Hier gleich weiterlesen

Buchempfehlung

Emil via New York

Von Emil Steinberger

Nach sechs Jahren Aufenthalt in New York schrieb Emil Steinberger dieses Buch, in dem Sie humoristische Impressionen und kritische Überlegungen finden, die in keinem Reiseführer stehen...

Hier gleich lesen

Love

Teile deine Begeisterung für diese Story und verschenke bis zu 10 Herzchen.

Mit Freunden teilen

Mehr Stories

3
CI: Piercing

Piercing

Ein Mann will ein Foto von sich machen lassen. Dafür den Kopf schiefhalten zu müssen behagt ihm ganz und gar nicht...

6 minSpoken Word